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André Eisermann:
Gedankenwelt Werthers fesselt noch immer
André Eisermann und Jakob Vinje gastierten mit Goethes "Leiden des jungen
Werthers" im Schloss
Er hat zwar ein Buch vor sich auf dem Tisch liegen, aber er liest nicht, er
spielt, ja er ist Werther. André Eisermann verkörpert auf der von Kerzen (und Scheinwerfern)
erhellten Bühne des gut gefüllten Bündheimer Schlosses jene von Johann Wolfgang von Goethe
ersonnene Figur, deren Todessehnsucht eine ganze Generation faszinierte - 1774, als der Briefroman "Die
Leiden des jungen Werthers" erschien.
Mit seiner "spoken-word-performance" "Goethe-Werther-Eisermann" will Eisermann bewirken, dass junge Leute
heute sich wieder der klassischen Literatur zuwenden. Der aus einer Schaustellerfamilie Stammende ("Ich
habe 220 Schulen besucht.") urteilt am Ende der Vorstellung hart über die Lehrer. Sie seien schuld
daran, dass Jugendliche so wenig Interesse an Goethe und anderen Klassikern haben. Sie könnten die
sprachliche Kunstfertigkeit Goethes nicht vermitteln. Dafür erntet er Beifall aus dem Publikum, das
ihn zu schon Beginn des Abends mit herzlichem Applaus beschenkt.
Eisermann - vor fünf Jahren mit selbigem Programm schon einmal Gast des Kulturklubs - gelingt es
mühelos, die Zuhörer vom ersten Wort an in seinen Bann zu ziehen und sie bis zum Schluss zu
fesseln. Es ist, als säße Werther selbst hinter dem alten Holztisch und erzählte seine
Geschichte - vom ersten Zusammentreffen mit seiner großen Liebe Charlotte, vom Hoffen und Bangen, von
Eifersucht auf Albert, den Bräutigam Lottens, wie Werther sie nennt. Und schließlich von
abgrundtiefer Verzweiflung und dem Schritt in den Tod, weil Charlotte Albert heiratet und damit für
Werther verloren ist.
Gekonnt versetzt Eisermann das Publikum in die Gedanken- und Gefühlswelt Werthers, unterstützt
durch den Pianisten Jakob Vinje, der mit seiner eigens für die Performance komponierten Musik die
Stimmungslagen Werthers nachvollziehbar macht. Tief wie der Glockenschlag einer Kirchturmuhr klingt der
ständig wiederholte Ton, mit dem Vinje dräuend den Entschluss Werthers zum Selbstmord und die
Vorbereitungen dazu untermalt. Schildert Werther hingegen "seine" Lotte, vermittelt die Musik anfangs
Werthers frohe Hoffnung, später seine Sehnsucht und Verzweiflung an seiner unbedingten Liebe.
Das Publikum dankt beiden Künstlern mit begeistertem Applaus.

Jakob Vinje (am Flügel) und André Eisermann überzeugten ihr Publikum im Bündheimer
Schloss mühelos.
| Foto: Christina Borchers, Goslarsche Zeitung |
Artikel: Christina Borchers
GZ von Fr., 21.12.2004 |
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