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Robert Griess:
Wenn die Ideale in die Jahre kommen
Kabarettist Robert Griess zu Gast beim Kulturklub: Blick auf das Leben von gestern und
die Welt von heute
Robert Griess ist älter geworden, er geht stramm auf die 40 zu. Und
für einen Kabarettisten wie ihn heißt das, a) das Programm wird anspruchsvoller und b) es wird
höchste Zeit zurückzuschauen, wie es war, mit 20 Jahren. Wie hat sich das Leben verändert?
Ist es besser geworden? Nein. Anders. Einer kleinen, quasi handverlesenen Gästeschar des Kulturklubs
verriet er, warum.
"Altern in Würde für über 35-jährig" - da gibt es schon Selbsthilfegruppen. Denn wenn
man ehrlich ist: Wie sind sie denn, die Männer im Alter? Sean Connery mal ausgenommen... Damals mit
20, da war für Griess alles anders. Da war er cool. Und nun? Ist er mit 40 so, wie die mit 40, als er
20 war? Sein "Alter ego", der 20-jährige Griess, sieht es so. Nacht für Nacht erscheint er ihm im
Traum, und in einer Gerichtsverhandlung muss der alte Griess sich gegen den jungen Griess dafür
verteidigen, dass er und die Welt anders geworden sind.
"Griess gegen Griess"
Solche Blicke zurück, mal in Wehmut, mal im Zorn, gehören für Kabarettisten zum
Standardrepertoire. Griess bediente sich jedoch für sein neues Programm "Griess gegen Griess" nicht
allzu anstrengend aus der Kiste voller Versatzstücke à la "damals hieß Twix noch Raider"
und "auf meinem Bonanza-Rad verlor ich meine Zeugungsfähigkeit". Vielmehr machte Robert Griess
politisches Kabarett, wie man es in dieser Geballtheit aus seinen früheren Programmen nicht kannte.
Der Mann ist halt erwachsener geworden. Allerdings ist dabei - zumindest am Kulturklubabend - die
Spontanität, der kurze, harte, trockene Witz ein wenig flöten gegangen. Doch machte Griess das
mit Intelligenz wieder wett.
Früher, da hatte man noch Ideale, da versuchte man, die Welt zu retten. Heute überträgt man
diese Aufgabe an Greenpeace. Für 20 Euro im Monat. Damals, da wollte man nie heiraten, erst recht
keine Kinder haben, sondern immer als Bohème in der Wohngemeinschaft leben. Naja, mit 20 redet man
halt so.
Aber wie ist das denn heute? Mit Familie? Wie ist da beispielsweise der Sex? Okay. Wie alter Rotwein, den
trinkt man auch langsam und nicht jeden Tag. Oder wie der alte Jerry Lewis: Der muss nur noch mit dem Auge
zucken, und man lacht, denn den Rest stellt man sich automatisch vor.
Griess nahm seinen "vor-20-Jahren-war's-halt-anders"-Faden, um ein Paket aus so ziemlich allem zu
schnüren, was als Kabarett-Thema taugt. Politik: Heute sind alle Politiker Juristen und die sind gegen
Moral imun. Aber man sollte nicht immer nur über Politiker schimpfen. Man muss auch anfangen, sie zu
verurteilen und wegzusperren.
Wirtschaft: "Baut der Arbeitnehmer Scheiße, wird der Arbeitnehmer entlassen. Baut der Manager
Scheiße, wird auch der Arbeitnehmer entlassen".
Medien: Bruno Ganz wird in jeder Talk-Show scheinheilig gefragt, ob man denn Hitler überhaupt im Film
spielen dürfe. Würde man Hitler von den Toten erwecken können, würden sich die gleichen
Talk-Show-Moderatoren darum reißen, ihn als erste in der Sendung zu haben.
Einfach sein Leben leben
Griess kam zu dem Schluss, dass es nicht er, der Mensch, ist, der sich im Laufe seines Lebens
verändert hat. Das Leben hat sich geändert. Der Zeitgeist ist ein anderer. Und eigentlich ist es
alles gar nicht so schlecht, solange man mit sich selbst im Reinen ist. Und die Moral, in Form des Urteils:
Lebenslänglich sein Leben weiterleben, ein Leben lang man selbst bleiben. Ach was . . .

So kurz vor 40 ist es an der Zeit, ein Resümee zu ziehen: Was ist aus den Idealen von damals geworden?
Der Kabarettist Robert Griess erzählte, zu welchen Schlussfolgerungen er gekommen ist.
| Foto: Holger Schlegel, Goslarsche Zeitung |
Artikel: Holger Schlegel
GZ von Mo., 18.10.2004 |
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