"Romeo und Julia":

Kampf der Generationen auf und vor der Bühne

Kulturklub eröffnet Theatersaison mit "Romeo und Julia" der Theatergastspiele Kempf - Starkes Stück verunsichert Publikum

Die Theatersaison hat begonnen: Shakespeares "Romeo und Julia" am Freitagabend auf der "Bühne Bad Harzburg" im Kursaal - die erste Hälfte war Komödie, die zweite Hälfte Tragödie. Spannend. Das Publikum wurde nicht mit 400 Jahre alten Jamben und langen Rezitationen gequält, sondern bekam ein Schauspiel großer Lebendigkeit, voller Ideen und Spielfreude geboten.

Eine echte Inszenierung, die aus den vielfältigsten Mitteln des Theaters schöpfte: Commedia del Arte und "Singin' in the Rain", klassisches Fechten und Zeitlupenprügelei, Sonett und Stinkefinger zum Beispiel. Sie war eine der seltenen Glücksfälle unter den oft einfallslos stückeverwurstenden Tourneedarbietungen. Doch nicht jeder im Publikum wusste das zu schätzen. Einige gingen in der Pause. Dieser Abend forderte Meinungen heraus.

Im Geiste Shakespeares

Es wäre schön, in Bad Harzburg öfter eine Aufführung dieser Qualität zu erleben, und damit auch wieder ein jüngeres Publikum fürs Theater zu begeistern. Denn hier wurde jenseits des trockenen Schulstoffes gezeigt, dass Theater auch unterhalten kann, was einst und von manchem vergessen, auch sein allerursprünglichster Zweck war.

Schon Shakespeare hatte in seinen Stücken Wert auf volkstümlichen, mitunter derben Schabernack gelegt. Der in Leipzig ausgebildete Regisseur Christoph Brück, hat dies ins Heutige übertragen. Romeo und seine Freunde Mercutio und Benvolio treten auf als spöttisch-derbe Rüpel, Freunde, die zu feiern verstehen, die vor nichts und niemanden Respekt haben, die raufen und lachen. Vor allem lachen.

Auch Julia, gerade mal 14 Jahre alt, ist diesem Lebensgefühl zugeneigt. Kindlich trotzig kämpft sie um ihr Glück. Doch die Erwachsenen, die Eltern Capulet und Montague, sind in ihren Ansichten ganze 400 Jahre zurück. Die Kostüme unterstrichen das: Lederjacken und Jeans mit Glitzergürtel bei den Jugendlichen, Mode der elisabethanischen Ära bei den Eltern.

Dies war das Spannungsfeld, aus dem sich temporeich und mit viel Witz das Stück entwickelte, um dann bekannt tragisch zu enden. Die ausgefeilten, nahezu filmreifen Kampfszenen allein hätten donnernden Szenenapplaus verdient. Die derben Witze Mercutios hätten ihre Lacher bekommen sollen.

Doch das heutige Lebenstempo spaltet die Generationen, dehnt 40 Lebensjahre, als wären es 400. Die Großeltern verstehen die Sprache der Enkel nicht mehr und umgekehrt. Theater für junge Menschen funktioniert in Bad Harzburg nicht besonders gut.

Professionelle Darsteller

Das Schauspielensemble um Stephanie Kellner (Julia), Toks Körner (Romeo), Achim Grauer (Mercutio), Jutta Boll und Wolfgang Scheiner bewies vielseitiges, hochprofessionelles Können bis in die kleinste Nebenrolle hinein. Ulrike Schlafmanns zeitlos marmorfarbenes Bühnenbild, schlicht und raffiniert und auf mannigfaltige Weise bespielbar, war mehr als nur Kulisse. Es passte perfekt zum Konzept.

"Liebe wagt, was irgend Liebe kann" - sprachlich balancierte Regisseur Brück geschickt zwischen Versmaß und Moderne. Damit zerstört er Shakespeare nicht, sondern rettet ihn in unsere Zeit.

Foto: Anke Reimann

Beeindruckende Schauspieler: (von links) Alexander Kreuzer (Benvolio), Jutta Boll (Amme), Toks Körner (Romeo), Stephanie Kellner (Julia), Achim Grauer (Mercutio), Lutz Bembenneck (Paris), Angela Baldo (Gräfin Capulet), Anton Koelbl (Bruder Lorenzo), Wolfgang Scheiner (Capulet) und Nico Jilka (Tybald/Peter).

Foto und Artikel: Anke Reimann, Goslarsche Zeitung von Mo., 08.10.2007

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