Der Blaue Engel:

Auch kluge Köpfe lassen sich verdrehen

Stehende Ovationen für Peter Turrinis Bühnenversion des "Blauen Engels" auf der Bühne Bad Harzburg

Der Stoff ist unverwüstlich: Alter Mann liebt blutjunge Frau, die Sache endet im Chaos. Eine der bekanntesten Versionen ist die von Heinrich Mann: "Professor Unrath". Berühmt wurde sie durch die Verfilmung "Der blaue Engel" mit Marlene Dietrich und Emil Jannings. Peter Turrini adaptierte diese Filmversion und das Drehbuch von Carl Zuckmeyer inklusive der Musik von Friedrich Holländer fürs Theater und blieb dabei sehr eng am Vorbild. Was dabei herauskam gefiel am Freitag den Gäste der "Bühne Bad Harzburg" im Kursaal ausgesprochen gut. Das Ensemble und vor allem Hauptdarsteller Gerd Silberbauer bekamen stehende Ovationen.

Professor Dr. Immanuel Rath (Silberbauer) unterrichtet am Gymnasium einer Stadt irgendwo im Deutschland der Kaiserzeit. Damals waren Lehrer keine Pädagogen im heutigen Sinne, und Rath ist es schon gar nicht: Er ist selbstgerecht, ungerecht, ein Tyrann.

"Unrat" schimpfen sie ihn. Allein das macht den verbiesterten Gelehrten wahnsinnig. Als er auch noch ausspioniert, wo sich seine verhassten Schüler nachts herumtreiben (in der Tingeltangel-Bar "Der blaue Engel") lernt er die 40 Jahre jüngere Sängerin Lola (Stefanie Mendoni) kennen. Die Gäule gehen mit ihm durch, der vergnatzte Junggeselle zerfließt vor Hingebung.

Das einfache Mädchen wickelt "Unratchen" um den Finger. Sie hat die Grabscherei besoffener Revuebesucher satt und hofft auf eine Zukunft als Frau Professor an der Seite eines gebildeten und vor allen Dingen reichen Mannes. Die beiden heiraten. Skandal! Rath verliert seinen Job und seinen Ruf. Schnell aber ist das Geld ausgegeben, das Glück futsch und immer mehr von seinem wachen Geist ertrinkt in Selbstmitleid, Zorn und Alkohol. Sie muss wieder Tingeln, damit Geld herankommt. Er dreht vor Eifersucht noch mehr durch. Am Ende sitzt er als schmutziger alter Mann in der Garderobe und muss sich - die endgültige Demütigung - vom Chef des Tingeltangels als dummer August auf die Bühne zerren lassen. Dort dürfen ihn dann die Menschen, die ihn früher aus Angst nur hinter vorgehaltener Hand verspotteten, lautstark verhöhnen.

Niemand spielt den Wahnsinn so gut wie Gerd Silberbauer. Erst ganz fein, dann schwitzend, schreien, stöhnend, auf dem Boden wälzend war sein Unrath zu jeder Sekunde ein Mensch, dem man wahlweise verabscheuen oder bemitleiden musste. Den begrenzten Mitteln eines Tourneetheaters dürfte es geschuldet sein, dass die übrigen Darsteller da nicht immer mithalten konnten. Stefanie Mendoni machte ihre Sache gut, hatte Silberbauers schauspielerischer Wucht aber mitunter nur Schönheit und nackte Haut entgegenzusetzen. Dass das übrige Tingeltangel-Ensemble eher scherenschnittartig daherkam, geht in Ordnung. Denn dieser Teil der Handlung ist auch genau darauf angelegt.

Die Bilanz hat jedoch ein eindeutiges Übergewicht auf der Haben-Seite: eine grandiose Romanvorlage, ein unglaublicher Gerd Silberbauer, eine Inszenierung ohne Experimente, eine Ausstattung, die mit einfachen Mitteln eine glaubwürdige Atmosphäre schuf. All das wiegt schwer genug, um den "Blauen Engel" zu einem denkwürdigen Theaterabend zu machen. Und zu einem würdigen Abschied der Bühne Bad Harzburg aus dem Jahr 2012.

Der blaue Engel ; Foto: Holger Schlegel

Lola (Stefanie Mendoni) wickelt Rath (Gerd Silberbauer) um den Finger. Den stürzt das ins Verderben.

Foto und Artikel: Holger Schlegel, Goslarsche Zeitung von ., .12.2012

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