Chorprobe:

Der Herrscher mit dem Taktstock

Saisonabschluss der Bühne Bad Harzburg im Kursaal mit einer amüsanten „Chorprobe“

Es war wohl die lustigste Chorprobe, die in Bad Harzburg je veranstaltet wurde. Denn es war das reinste Theater: Am Donnerstag im Kursaal spielten Berliner Schauspieler Dietmar Bittrichs Lustspiel „Chorprobe“ in einer lebendigen Inszenierung von Carlo Klein.

Schade, dass nicht sämtliche Chorleiter und Sänger von Bad Harzburg ins Theater geströmt sind, so entging ihnen eine erfrischende und aberwitzige Parodie auf ihr Metier, und der Zuschauerraum war leider nur zur Hälfte gefüllt.

Im Mikrokosmos des Gemeindechores traf der Herrscher mit dem Taktstock, der Hüter der Harmonien, auf seine Schafe – die Sänger. Da war zunächst Claudius Freyer als selbstverliebter Tenor Klaus, der erste im Proberaum, stolz wie ein Gockel. Ilona Schulz spielte die mit amüsanter Beiläufigkeit singende und strickende Sopranistin Gisela, immer am roten Wollfaden hängend sowie an einer Flasche Schnaps, verborgen in den Tiefen ihrer Handtasche. Ihr folgte Michaela Hanser als Barbara, die Altstimme, übermüdet aus der Nachtschicht kommend, schwer und vergeblich verliebt in den Chorleiter, doch stets gegen den Schlaf ankämpfend. Der Vierte im Bunde war Rüdiger Wandel als Bass Heinz, der immer zu spät kommt und ständig aufs Klo muss.

Mit „Momom“ und „Mimimi“ sangen sie sich ein. Allein das war ein Erlebnis für sich. Und endlich kam der Maestro, die Respektperson, um die sich das Universum der „Sangesfreunde“ drehte: Dirigent Werner Weber, gespielt von Heinz Werner Kraehkamp. Der holte noch seine Pianistin und rechte Hand aus dem Schrank: Bettina Koch, in Tasten- und Schauspiel bewandert.

Der Meister warf ein Bündel Taktstöcke auf den Tisch. Sofort wurde sehr viel emsiger gemommt und -mimimiht. „Diese Probe ist die wichtigste“, hörten die Sänger ihn sprechen, „Wir singen auf dem Geburtstag des Bürgermeisters, und das Fernsehen kommt und wir fahren in die Karibik, wenn alles gut geht, also singt bis euch Blut, Schweiß und Tränen kommen, singen heißt siegen!“

Spornstreichs wurde der ohnehin schon verrückte Chor noch verrückter. Und bei aller Komik brachten sie ganz trefflichen Satzgesang zu Gehör. Auch wenn Heinz immer noch aufs Klo musste und nicht durfte, denn der Maestro verwaltete nicht nur die Notenblätter, sondern auch Kloschlüssel und Papier.

Zudem fand er alles, was der Chor sang, „entsetzlich und grauenvoll“. Und er machte sie erst alle zusammen und dann einzeln fertig – für das höhere Wohl – für die Karibik. Doch als Gisela ihren halb fertiggestrickten Pullover vor aller Augen wieder aufdröseln muss, wird es ein bisschen zu gemein. Und am Ende des Stückes nerven auch die unablässige und unveränderte Grantelei und das Lamento des Dirigenten ein wenig. Da bekommt die Komik der Schlussszene schon einen etwas vagen Beigeschmack: Als der Chor vor ihm auf Knien liegt und ruft: „Peinigen Sie uns!“ Und er sagt: „Na also, geht doch!“ Da reicht es irgendwie. Doch mit charmanten Zugaben der Sangesfreunde und einem wunderschön „Kein schöner Land in dieser Zeit“-singenden Publikum endete der Abend gut gelaunt und mit donnerndem Applaus für das lebhafte, lustige und von großem Können geprägte Spiel aller Akteure.

Chorprobe ; Foto: Anke Reimann

„Nun seid Ihr dran“ – die Schauspieler lassen ihr Publikum für sich singen: (v.li.) Pianistin Bettina Koch, Heinz Werner Kraehkamp (als Dirigent Werner), Rüdiger Wandel (als Bass Heinz), Claudius Freyer (als Tenor Klaus), Michaela Hanser (als Alt Barbara) und Ilona Schulz, stets mit Strickzeug (als Sopran Gisela).

Foto und Artikel: Anke Reimann, Goslarsche Zeitung von Mo., 30.04.2012

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