XXIII. Jazz im Schloß:

Leidenschaft allein füllt halt noch keinen Saal

"Jazz im Schloß" Teil 23: Dr. Wolfgang Schömbs bezaubert mit Klassik und Jazz am Flügel, doch das Publikum bleibt zu Hause

Als Dr. Wolfgang Schömbs die "Emotionen" zum Titel der 23. Auflage seiner Kulturklub-Konzertreihe "Jazz im Schloß" machte, hatte er eine sicherlich nicht im Sinn: die Enttäuschung. Aber genau die senkte sich am Samstag auf den Rittersaal, als Schömbs am mächtigen Schimmel-Flügel Platz nahm. Mehr als 20 Jahre lang waren die "Jazz meets Classic"-Abende von "Dr. Jazz" Wolfgang Schömbs Erlebnisse, zu denen die Menschen nur so herbeiströmten. Oft reichten die 300 Stühle gar nicht aus, und jeder Vorschrift zum Trotz wurden noch die Bänke aus dem Foyer hereingequetscht. In diesem Jahr aber war der Saal nur zu einem Drittel gefüllt. Schömbs hatte sich eine Erklärung zurechtgelegt: "Es sind halt Ferien." Aber bestimmt nicht das erste Mal in 22 Jahren "Jazz im Schloß" Und früher hat das auch niemanden davon abgehalten zu kommen.

Im richtigen Leben gibt Schömbs Entspannungs-Seminare für gestresste Manager. Aber wenn es ihn packt, und das tut es oft, dann verabschiedet er sich ins Reich der Musik. Da entspannt er sich. Er liebt den Jazz, er liebt die Klassik und hat sich vor mehr als zwei Jahrzehnten dazu entschlossen, beide Stile zu einem zu machen. Zu seinem.

Das klingt dann manchmal vielleicht ein bisschen wie gehobene Hotelbar-Musik. Aber in der Regel ist es durchaus ein Fest, mitzuerleben wie der Bad Harzburger alle Größen der Klassik und des Jazz (von Mozart über Gershwin bis Keith Jarrett) um sich und in sich versammelt. Und wie er dann alte Takte und Töne in völlig neue Musik verwandelt. Schömbs spielt sich schnell in einen Rausch. Er versinkt auch körperlich in der Musik, der Kopf verschwindet fast in der Klaviatur, der Oberkörper zuckt in jeden Ton hinein.

Vielleicht nutzt sich solch ein Erlebnis für den Zuschauer aber auch irgendwann mal ab. Früher, da war auf der Bühne bei Dr. Jazz noch richtig was los. Da hatte Schömbs auch Freunde aus Fleisch und Blut um sich versammelt: Schlagzeuger, Bassisten, Sänger, Rezitatoren. Heute sitzt der Mann da ganz alleine. Das klingt anders, sieht anders aus, ist ein völlig anderes Konzept. Und da kann er sich natürlich auch nicht mehr nur auf seine Leidenschaft, die Musik, konzentrieren. Sondern er muss auch die Übergänge mit warmen Worten füllen. Zumindest meint er, es zu müssen.

Das hört sich dann zum Beispiel so an: "Jazz-Feeling ist pure Emotion, bin drin, im Flow. Ohne Blockaden von Noten, der pure Augenblick, hier und jetzt". Das Publikum hatte andere Probleme: "Lauter! Nicht so nuscheln! Sie haben wieder das Mikrophon vergessen!"

Versöhnt wurden alle von der Musik, vor allen Dingen von der, die noch das reine, ursprüngliche "Jazz meets Classic"-Erlebnis war. Beethovens "Appassionata", zum Beispiel, dafür gab es Bravo-Rufe. Oder "Die Wut", ebenfalls von Beethoven, sonst sechs bis sieben Minuten lang, bei Schömbs mindestens zehn, aber jede einzelne hörenswert. Da waren dann die Emotionen, die Schömbs wollte: Freude, Begeisterung, auch mal Traurigkeit, Entspannung, Leidenschaft, Wut, Wehmut. Wehmut? Laut Duden "verhaltene Trauer, stiller Schmerz bei der Erinnerung an etwas Vergangenes, Unwiederbringliches". Ja, selbst diese Emotion löste Dr. Jazz aus. Aber ohne es zu wollen.

Wolfgang Schoembs ; Foto: Holger Schlegel

Dr. Wolfgang Schömbs schlüpft einmal im Jahr in die Rolle des Dr. Jazz und bezaubert mit seinem Spiel die Menschen. Aber offenkundig reicht das allein nicht mehr aus, um auch Säle zu füllen.

Foto und Artikel: Holger Schlegel, Goslarsche Zeitung von Mo., 29.10.2012

zurück zur Übersicht

Startseite  |  Sitemap  |  Kontakt  |  Impressum
© 2012, Kulturklub Bad Harzburg