Neujahrskonzert:

"Jetzt klingeln bitte mal alle Handys "

Neujahrskonzert des Staatsorchesters Braunschweig mit klassischem Programm und neuen Ideen

Ein Handy, das mitten im klassischen Konzert klingelt, ist anstrengend. Für den, bei dem es klingelt, sowieso. Für die, die oben auf der Bühne spielen, erst recht. Und für alle anderen irgendwie auch. Stichwort "Fremdschämen". Anders beim Neujahrskonzert des Staatsorchesters Braunschweig am Freitag: Da durften die Handys klingeln. Nein, sie mussten es sogar, sie waren Teil des Programms. Jedenfalls an einer Stelle. Auch sonst war die Auftaktveranstaltung des Kulturklubs für die neue Saison anders als andere Konzerte. Interaktiv, wenn man so will. Das einzige, das wie immer war: Die Veranstaltung war ausverkauft. Wie auch ihre 20 Vorgängerinnen.

Strauß und Co.

Ein typisches Neujahrskonzert ist Geschmackssache. Die einen belächeln die geballte Ladung Strauß und Co. als die anspruchslose Schlager-Sparte der klassischen Musikkunst. Für die anderen aber gehört genau das einfach zu einem Neujahrskonzert dazu. Da möchte man mitklatschen dürfen. Da braucht man keine elegischen Sinfonien. Da will man auch nicht stundenlang konzentriert in die letzte Nuance hineinlauschen müssen. Polka, Walzer, Marsch - das ist ein Neujahrskonzert. Es ist ein gesellschaftliches und geselliges Ereignis und für Bad Harzburg eine Art Neujahrsempfang. Es trifft sich Hinz und Kunz und will gemeinsam entspannt und fröhlich sein. Das Jahr wird noch anspruchsvoll genug.

Das weiß auch das Staatsorchester Braunschweig, das sich nach einigen Ausreißern in der Vergangenheit bei seinem jährlichen Jahresauftakt im Großen und Ganzen längst nur noch auf echte Neujahrsmusik konzentriert. Natürlich nicht immer nur "An der schönen blauen Donau". Aber es gibt genug andere klassische Mitsumm-Musik. "Solang noch untern Linden" von Walter Kollo zum Beispiel. Die "Berliner Luft" von Paul Lincke, "Da geh ich zu Maxim" von Franz Lehár. Und eben Strauß. Mal Vater, mal Sohn: "Bürgersinn", "Das Leben ein Tanz, der Tanz ein Leben" - und als klassische Zugabe natürlich den "Radetzky-Marsch". Zum mitklatschen.

Dem Publikum machte das sehr viel Spaß. Dem Orchester auch, wenngleich die Musiker natürlich nicht unbedingt überfordert wurden. Bereichert wurde das Programm durch vier Gesangssolisten: Ekaterina Kudryavtseva (Sopran) und Arthur Shen (Tenor), die man aus dem Vorjahr kannte, sowie Milda Tubelyté (Mezzosopran) und Orhan Yildiz (Bariton). Alle vier boten schöne Leistungen. Wobei manche Stimme schon mal Mühe hatte, sich gegen die Kraft eines ganzen Sinfonieorchesters durchzusetzen.

Kleine Ratespielchen

Dirigent Sebastian Beckedorf hatte das Ensemble bestens im Griff und führte es mit Elan und Körpereinsatz. Im Gegensatz zu Franz Josef Breznik, der in den Jahren zuvor den Dirigentenstab führte, hatte Beckedorf mit Moderation allerdings wenig am Hut. Das überließ er Orchesterdirektor Martin Weller, der sich auch schon einmal aus dem Zuschauerraum zu Wort meldete. Sogar mit Ratespielchen. Eine gewöhnungsbedürftige Variante. Aber für ein Neujahrskonzert gelten halt andere Regeln.

Und wie war das jetzt mit dem klingelnden Handy? Es gibt eine Polka von Johann Strauß Sohn: "Durchs Telephon". Und das Staatsorchester fand es originell, das Stück durch vielstimmiges Handygebimmel aus dem Publikum zu bereichern. Vom Prinzip her eine lustige Idee, wenn auch genügend Leute in der Lage sind, ihre Handys auf Befehl klingeln zu lassen. Doch das kann nicht jeder.

So wurde das geplante Finale furioso eher zu einem wirren und dünnen Konglomerat verschiedenster Töne und Melodien, die irgendwann, aber nicht auf Kommando einsetzten. Doch vergnüglich war's. Und genau das soll ein Neujahrskonzert ja auch in erster Linie sein.

Foto: Holger Schlegel

Margarete Demmnig begrüßte im Namen des Kulturklubvorstandes die Gäste zum 21. Neujahrskonzert -das wie seine Vorgänger ausverkauft war.

Foto: Holger Schlegel

Applaus für eine schöne Ensembleleistung (von rechts) Ekaterina Kudryavtseva, Arthur Shen, Sebastian Beckedorf, Milda Tubelyté, Orhan Yildiz und Martin Weller.

Fotos und Artikel: Holger Schlegel, Goslarsche Zeitung von Mo., 07.01.2013

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