Rain Man:

Wer bitte braucht schon Hollywood?

Bühne Bad Harzburg präsentierte eine grandiose Theaterversion des Film-Klassikers "Rain Man"

Es waren viel zu wenig Besucher, die am Freitag das vorletzte Theaterstück der Spielzeit 2012/13 auf der Bühne Bad Harzburg erleben wollten. Ein zu drei Viertel gefüllter Saal - "Rain Man" mit Rufus Beck und Karl Walter Sprungala hätte mehr verdient. Woran lag's? Vielleicht am "Kenn-ich-schon-Effekt"? Denn "Rain Man" ist als Kinofilm seit 1989 eine feste Größe. Lohnt es sich da, alles nochmal im Theater anschauen? Ja. Tut es.

Natürlich kam einem der Film dauernd in den Sinn. Aber um dem Theaterstück gerecht zu werden, sollte man ihn mal gedanklich ausklammern. Nicht an Tom Cruise denken, der auf der Leinwand den windigen Gebrauchtwagenhändler Charlie Babbitt spielte. Nicht Dustin Hoffman im Kopf haben, der sich als Charlies autistischer Bruder Raymond einen Oskar erspielte. All das schieben wir mal beiseite. Auch wenn's schwer fällt.

Aber wenn man sich freimacht vom Vorbild und nicht dauernd vergleicht, kann man besser ermessen, was da am Freitag geboten wurde: Eine wunderbare Geschichte, gespielt von einem Ensemble, das noch in den Nebenrollen überzeugte. Und die Reise quer durch Amerika, um die es geht, wurde auf der Bühne einfach mit einigen verschiebbaren Kulissenelementen pfiffig visualisiert.

Die Babbitt-Brüder

Getragen wird der Stoff natürlich von den zwei Babbitt-Brüdern. Somit steht und fällt eine Inszenierung mit denen, die sie spielen. Rufus Beck war Charlie Babbitt. Zwar wirkte seine Darstellung hier und da ein wenig aufgesetzt und überdreht, aber irgendwie ist die Rolle ja auch so angelegt: Charlie ist ein aalglatter Typ, der nicht mit Geld umgehen kann und dem der Tod seines Vater in erster Linie ein supergeiles Wochenende versaut. Bis man merkt warum der Mann so ist: Vater und Sohn hatten sich schon vor Jahrzehnten voneinander entfernt. Kein Kontakt, keine Gefühle. Und nun hinterlässt dieses alte Arschloch Charlie nichts anderes ein paar Rosenstöcke und einen Oldtimer. Die sieben Millionen Dollar bekommt ein Mann namens Raymond. Wie sich herausstellt ein Idiot, der fast sein ganzes Leben in einer Klappsmühle verbracht hat - und Charlies Bruder ist.

Raymond - der Rain Man aus Charlies frühester Kindheit, den er eigentlich nur als Fantasiefigur in Erinnerung hat: Man kann sich kaum eine bessere Besetzung für diesen Mann vorstellen als Karl-Walter Sprungala. Dustin Hoffmann wollten wir ja ausklammern…

Natürlich ist Raymond kein Idiot, sondern Autist. Hilflos im Alltag, gefangen in krankhaften Routinen. Aber hochbegabt: Raymond merkt sich alles, was er einmal gesehen, gelesen, gezählt hat. So etwas muss man erst einmal spielen ohne wie ein Idiot auszuschauen. Sprungala brabbelte sich herzerweichend durch die große Aufgabe, der große Rufus Beck wirkte daneben manchmal fast nur noch wie ein Stichwortlieferant.

Charlie entführt Raymond aus der Klinik, reißt den armen Kerl aus seiner geordneten Welt, um die Hälfte des Erbes abzustauben. Aber es kommt anders: Auf der Reise wird aus Großkotz Charlie ein Mensch. Und Raymond öffnet sich, erlebt sogar so etwas wie Glück. Am Ende würde Charlie ihn am liebsten bei sich behalten. Geht natürlich nicht. Aber zwei Brüder haben sich gefunden. Welcher von beiden war noch gleich der Idiot…?

Stehende Ovationen

Das Publikum im Kursaal spendete stehende Ovationen für eine bewegende und brillante Leistung. Denn natürlich hatte jeder die ganze Zeit den Film im Kopf. Und der Applaus war der Lohn für die würdige Adaption dieses preisgekrönten Vorbilds. Wer bitte braucht schon Hollywood?

Rain Man ; Foto: Holger Schlegel

Auch wenn Rufus Beck (3.v.li.) den großen Namen und Karl Walter Sprungala (3.v.re.) die großen Rolle hatte, so war doch auch die Leistung des übrigen Ensembles die stehenden Ovationen wert (v.li.): Volker Jeck, René Toussaint, Jo Kern und Birte Wentzek.

Foto und Artikel: Holger Schlegel, Goslarsche Zeitung von Mo., 21.01.2013

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